Leben auf Kreta: Ein wenig Küchenhistorie.

Der Winter 2018/2019 hat uns derzeit recht fest im Griff – es hat in Teilbereichen heftig auf der Insel geschneit, sogar bei uns auf ca. 220 m u.NN! Die Nächte sind fies kalt, die Tage kaum wärmer – es ist Bollerofen- und „Drinnen-bleib-Zeit“ – das gilt für Zweibeiner genauso wie für Vierbeiner! Alle gehen nur raus, wenn sie wirklich müssen – die Zweibeiner zum Holz für den Ofen reinholen, die Vierbeiner, wenn sie wirklich „müssen“. Aber bei Gruselwetter draußen kann man es sich ja drinnen kuschelig machen. Die Bolleröfen bollern, morgens und abends brennen Kerzen – fehlt natürlich noch das richtige Winteressen dazu. Am Besten ein Eintopf aus Hülsenfrüchten – der wärmt auch noch von Innen, ist lecker und gesund.

Und beim Schmökern in unserer umfangreichen Rezept-Sammlung haben wir uns auch mal wieder Gedanken darüber gemacht, was es mit der kretischen Küche eigentlich so auf sich hat. Wie hat sich das alles so entwickelt – und woraus? Und seit wann?

Nun gut, ein passendes Eintopfrezept war schnell gefunden – also widmeten wir uns ein bisschen der kretischen Küchenhistorie, während der Eintopf auf dem Bollerofen vor sich hinschmurgelte. Dazu haben wir mal wieder das Buch „Die sensationelle Kreta-Diät“ von Dr.med. Peter Schleicher heran gezogen und fanden dort interessante Informationen, die wir natürlich auch gerne wieder mit Euch teilen wollen – gespickt mit eigenem Wissen und Anmerkungen:

Die kretische Küchengeschichte beginnt mit Oliven und Schnecken. 

Die frühesten Spuren für den Anbau von Oliven – und sicher verzehrte man nicht nur die Früchte, sondern wusste auch das Öl daraus zu nutzen – finden sich auf Kreta bereits aus der Zeit um 4500 v.Chr. Es gibt keine älteren Zeugnisse.

Kaum zweitausend Jahre später, in der minoischen Kultur von 2700 bis 1100 v.Chr., zeigt sich auch, wie gut man diese Naturschätze zu nutzen wusste. In den Ruinen der Paläste von Knossos und Phaistos wurden nicht nur gewaltige Ölamphoren von zwei Metern Höhe entdeckt, sondern auch Tontafeln, auf denen die fabelhafte Buchführung der minoischen Verwaltung verzeichnet war. (Anm.d.Red.: schade, dass diese Tradition sich nicht auch bis in die Moderne durchgesetzt hat…!).

Es mussten wohl Steuern auch in Form von Olivenöl entrichtet werden, und man wusste genau Bescheid über die Anbaugebiete und den Ölverbrauch der einzelnen „Städte“ auf Kreta. Diese Naturalien boten dazu eine sehr solide Finanzbasis, denn Olivenöl – das ist ebenfalls nachzulesen – spielte eine herausragende Rolle im Mittelmeerhandel mit Syrien, Plästina und Ägyptern, von dessen Ölprodukten der reisende griechische Philosoph Theophrastos übrigens nur naserümpfend – „stark riechend“ – berichtete. Die kretische Qualität war offenbar schon damals unschlagbar und ausschlaggebend.

Überraschend war, dass man aus dieser Zeit neben den Gefäßen mit Olivenresten – als Opfergabe an die unterirdischen Götter in Brunnen versenkt – auch solche mit Schneckengehäusen fand. Das Nachwirken solcher Bräuche auf Kreta bis in die heutigen Tage zeigt, dass für diese Riten nur geschätzte Speisen gut genug waren: Schnecken also, und die zählen auf Kreta noch heute zu den beliebten Gerichten – freilich nicht stück- sondern pfund- oder gar kiloweise und sind auch noch fastenzeittauglich.

Die heutige Ernährungsweise…

Beschreibt man die heutige Ernährungsweise, so muss man ein paar Selbstverständlichkeiten vorausschicken. Natürlich ist das nicht die Küche, die in fashionablen Hotels oder pauschalreisenden Touristen vorgesetzt wird. In solchen Lokalitäten und an den viel besuchten Stätten hat längst das ortsüblich nivellierte internationale Allerlei mit Fast-Food-Akzenten eingesetzt. Aber in dem kleinen Lokal um die Ecke und unterwegs kann es noch ganz traditionell zugehen. 

Und Kreta ist auch sonst nicht gleich Kreta. Die Fremdensaison ist so lang auch wieder nicht, un die Entfernungen, die jeder Reisende täglich leicht hinnimmt, werden von der ländlichen Bevölkerung oft lebenslang nie überwunden. Kreta ist eine Insel; aber die meisten Bewohner des bergigen Innern kommen kaum ans Meer – und umgekehrt. Sie leben einfach in ihrer Umgebung, leinen Flecken und abgelegenen Anwesen, die weder für Konsumläden noch für regelmäßige Versorgung von außen lohnend sind. Sie leben aus Gewohnheit wie Schlichtheit aus dem Eigenen , an der Küste wie im Land, und das hat ihre Eigenart und ihre Ernährungsform über viele Jahrhunderte bewahrt. Es handelt sich also ebenso um eine regionale Küche, deren Rezepte sich je nach Gegend unterscheiden.

…und ihre Herkunft und Entwicklung über die Jahrhunderte

Es ist aber auch festzustellen, dass die traditionelle kretische Küche noch aus dem minoischen Zeitalter stammt und bis heute in Abwandlungen bestand hat (Anm.d.Red.: auch wenn das Phänomen „Minoan Cooking“ seit einigen Jahren einen regelrechten Hype ausgelöst hat – man will zurück zu den Wurzeln, allerdings mit allem Komfort, ist klar…). Oliven und ihr Öl, Getreide, Gemüse, Obst und Hülstenfrüchte, Würzpflanzen und Kräuter, dazu ein wenig Fleisch oder Fisch bildeten die Grundlage kretischer Ernährung. Öl und Getreide waren die Basis des minoischen Reichtums und Glanzes, denn landwirtschaftliche Produkte, in dieser Qualität und Fülle sonstwo offenbar weder kultiviert noch zu haben, waren die Hauptartikel des kretischen Handels über den ganzen Mittelmeerraum. 

Dieser Austausch setzte sich noch in der dorischen und den klassischen griechischen und römischen Perioden fort, und zu oströmischer Zeit (395 bis 835) war Kreta ein kulturelles Zentrum des Byzantinischen Reiches, das seine orthodoxe kirchliche Verfassung (z.B. die Fastenzeiten!) prägte. 

Nach einem arabischen Zwischenspiel geriet „Candia“ durch den vierten Kreuzzug unter die „Obhut“ der „Serenissima“ Venedig, und die kulinarischen Spuren dieser jahrhundertelangen Begegnung (1204 bis 1669) findet man noch heute in der italienischen wie auch in der kretischen Küche.

Von der osmanischen Oberhoheit, die dann immerhin bis zur vorletzten Jahrhundertwende (1897/1908) dauerte, kann man das nicht sagen: die Kreter hielten genauso wie die Festlandsgriechen an ihrem orthodoxen Christenglauben fest, und die Türken begnügten sich mit ihrem Herrschaftsgebaren. Die orientalischen Ingredienzen kretischer Küche sind älteren Datums und von friedlicher Herkunft des mediterranen Handels. Der war schon immer „international“. Und dabei sind mehr Anregungen und Produkte von Kreta ausgegangen, als fremde in sein Landesinneres eingedrungen.

Wie sich dieser geschmacks- und gesundheitsfördernde „Export“ auf den abendländischen Zivilisationsprozess auswirkte, wäre übrigens noch interessante Untersuchungen wert. Jedenfalls sind die alten kretischen Rezepte und Nahrungsmittel in Vielem sowohl den modernen Ansprüchen einer feinen und bekömmlichen Küche wie auch den physiologischen und immunologischen Anforderungen gesunder und harmonischer Ernährung unglaublich nahe.

Radio Kreta – gut Essen hält Leib und Seele zusammen.

Essen wie die Minoer kann man auch in Paleochora im Restaurant „Parasties“.

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Ein Kommentar

  1. Moin und Kalimera, die Kreta-Küche und ihre Geschichte/Ursprung sind ja sehr gut erforscht. Es gibt etliche Bücher über die Kreta-Küche (Rezepte) und Kreta-Diät in deutscher Sprache.

    Ich möchte mal kurz was zu meinen Beobachtungen über das Ernährungsverhalten der Kreter los werden. Klar, ernährt sich der überwältigene Teil der Kreter, besonders in den Dörfern gesund und essen das was die Natur gerade hergibt.

    Die gesunde Ernährung der Kreta-Küche ist das eine, ich beobachte aber seit Jahren das die jüngeren Menschen auf Kreter immer dicker werden (und man sieht auf Kreta sehr viele dicke Kinder und Jugendliche). Und das hängt viel mit der ungesunden und fetten Fastfoodernährung und der mangelnden Bewegung zusammen. Man kann sehr gut das Einkaufsverhalten der Jugend in Paleochora in den Supermärkten und Kiosken beobachten, meistens Schoki, Cola und Chips. Bewegung und Sport ist auch für viele ein Fremdwort. Die kleinste Entfernung wird mit dem Mofa zurückgelegt. Auch sieht man sehr oft Familien mit ihren Kindern in den Fast-Food/Pita-Buden. Ein Grund ist sicherlich auch die Krise und hier wird man günstig satt. Das ist die andere Seite der Medaille der gesunden Kreta-Küche/Kreta-Diät.

    In Paleochora gibt es ja auch mehrere Fast-Food Buden (was ich nicht schlimm finde). Auch ich esse sehr gerne auf Kreta mal ne Pita zwischendurch. Ist günstig und macht satt.

    Ich hatte 3 Jahre von 2015-2017 ein Haus in der Nähe von Kalyves gemietet. In Kalyves gbit es eine sehr gute und günstige Pita-Bude, die eigene Tiere haben und neben der Pita-Bude eine eigene Schlachterei. Die Pita-Bude hat über Kalyves herraus einen sehr guten Ruf und hat 364 Tage im Jahr auf. Was dort los ist kann man sich kaum vorstellen, der Laden brummt. Im Minutentakt gehen die telefonischen Bestellungen ein. Ununterbrochen halten die Pick-Ups vor der Tür und holen sich etliche Pitas. Es gibt auch einen Lieferservice. Ein Angestellter fährt ununterbrochen mit seinem Moped zu den Kunden. Hinzu kommen viele Residenten und Touristen. Auch ich habe mir hier mehrmals die Woche eine Pita geholt. Man bekam das Gefühl, daß sich halb Kalyves von Pita ernährt.

    Es gibt aber auch positive Ausnahmen. Vor einigen Wochen habe ich über einen Kreter gelesen, der sich jeden Tag nur von Tomaten, Oliven, Brot und Olivenöl ernährt. Einmal die Woche ein wenig Fleisch. Das fand ich sehr beeindruckend.

    Gute kretische Rezepte findet man hier: http://dergeschmackvonkreta.blogspot.com/

    kaló savvatokyriako, kv

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