Passierschein A38 als Ticket für die Zeitreise mit Asterix.

Mit Zeus und Teutates – eine Buchbesprechung

Von Wassilis Aswestopoulos, dem Balkanisator.

Es gibt Jahre, die bleiben einem mit einer Fülle von Ereignissen ins Gedächtnis gebrannt. Das Jahr 1976 war für mich eines davon. Unsere Geschichte beginnt in einem kleinen Klassenraum in einem riesigen, alten Schulgebäude in Aachen, im altehrwürdigen Kaiser Karls Gymnasium (KKG). Es ist Montag, der 4. Oktober. Inmitten einer Klasse von Sextanern wurde eifrig und altklug über die Bundestagswahlen diskutiert. Aber an diesem Tag geschah im Lateinunterricht noch etwas ganz Besonderes. Etwas, was beinahe auf den Tag genau, ein halbes Jahrhundert später, als Echo nachwirkte.

Spoiler: es geht um eine persönliche Erfahrung mit Asterix , seinem selbstbewussten Freund Obelix und dem niedlichsten Hund aller Zeiten, Idefix. Diesmal geht es nicht wirklich um Griechenland, die Türkei oder den Balkan. Außer, man sieht Herakles und einen Marathonlauf pars pro toto als Repräsentanten des Balkans.

 

Copyright der Abbildung: ASTERIX®-OBELIX®-IDEFIX® / © 2026 LES ÉDITIONS ALBERT RENÉ / GOSCINNY – UDERZO

Aber der Reihe nach.

Fünftklässler, die Sechstklässler genannt wurden

Sexta, Lateinisch für die Sechste, so nannte man in einem humanistischen Gymnasium, wie es das KKG war, die erste Klasse der weiterführenden Schule. Es ist eigentlich nach der Grundschule die Fünfte. Ja, werden Altphilologen einwerfen, die Abschlussklassen wurden in Gymnasien rückwärts gezählt. Neudeutsch nennt man so etwas Countdown: 6, 5, 4, 3, 2, 1… 

Schnell fällt dabei auf, dass man so auf sechs und nicht auf neun Schuljahre kommt. Man behilft sich in diesem antiquierten System mit einem Trick. Die Tertia, Sekunda und Prima – die Dritte, Zweite und die Erste werden zweigeteilt. Es gibt eine Untertertia, eine Obertertia, eine Untersekunda, eine Obersekunda eine Unterprima und eine Oberprima. Lateiner werden schnell entdecken, dass die Sekunda mit „k“ und nicht wie im lateinischen Original mit „c“ geschrieben wird. Die Ungereimtheiten, die wir heute mit pseudoenglischen Lehnwörtern haben, sind eben nicht so neu, wie so mancher denkt.

Die Schüler der jeweiligen Jahrgänge wurden mit eingedeutschten Begriffen als Sextaner, Quintaner, Quartaner, Untertertianer, Obertertianer, Untersekundaner, Obersekundaner, Unterprimaner sowie Oberprimaner betitelt. Die Lateinsprechenden sind verrückt – oder stilgerecht: Hi Latine loquentes insaniunt. So sind wir es von Asterix-Heften gewohnt. Denn in diesen ist es üblich, dass Originalzitate auf Latein eingestreut werden.

Für den gemeinen Sextaner aus dem Jahr 1976 war das die beliebteste Ausrede, um einen Comic-Band an den strengen Blicken der Eltern vorbeizuschleusen. Um die Erlaubnis zu bekommen, das gesparte Taschengeld in „dieses Heftchen“ zu investieren. Schließlich gab es auf dem KKG als erste Fremdsprache ab der fünften Klasse – der Sexta – Latein.

Später kam neben dem Englischen auch Altgriechisch hinzu. Bei Letzterem hatte ich einen ungeahnten Heimvorteil, weil der Dialekt der Pontosgriechen, zu denen ich wegen meines Vater gehöre, ein antiker attisch-ionischer Dialekt ist. Englisch stellte auch keine Hürde dar. Mutter war Dolmetscherin – Latein, ich sollte es sieben lange Jahre bis zum großen Latinum lernen, blieb die Hürde, die zu bewältigen war.

Zurück in die bunte Vergangenheit

Zurück zum Montag, den 4. Oktober 1976. Ich erlebte wie eingangs erwähnt als Sextaner zum ersten Mal bewusst die Diskussionen nach Bundestagswahlen. Es waren die ersten Bundestagswahlen, bei denen Achtzehnjährige passiv wahlberechtigt waren. Denn volljährig mit Achtzehn ist man in Deutschland erst seit dem 1.1.1975. Meine Mutter, eine Deutsche, hatte gewählt, Vater als Grieche natürlich nicht. Ich musste damals schon ab 19 Uhr ins Bett. Mehr als die erste Hochrechnung hatte ich nicht gehört. Und so hatte ich bei den Diskussionen meiner Mitschüler nicht viel beizutragen. Wenn man nichts zu sagen hat, guckt man nur. Und so brannte sich das Bild der bunten Kleidung, die wir seinerzeit alle trugen, in meinen Kopf. 1976 war – verglichen mit heute – alles irgendwie bunt. Das Orangene und das Rote waren überall präsent. Außer den weißen Taxis und den schwarzen Leichenwagen waren alle Autos auf den Straßen in poppigen Farben lackiert.  

Es sah an diesem Montag ganz nach einem gebrauchten Tag aus, bis der Lateinunterricht begann. Dr. Robert Wagner, im Nachblick ein unglaublich sensibler, gebildeter, liebe- und humorvoller Mann, hatte in meinen Kinderaugen eine gewisse optische Ähnlichkeit mit dem unterlegenen CDU- Kanzlerkandidaten Helmut Kohl. Oberstudienrat (was für ein Wort) Wagner, aus Bamberg stammend, lehrte Latein, Altgriechisch und Geschichte. Und er schaffte es zu Beginn jeder Unterrichtstunde mit einem aktuellen Aufhänger in den Stoff einzusteigen. Heute weiß ich, dass es oft Improvisation war. Ich hatte und habe die Ehre neben dem freien Beruf als Lehrkraft tätig zu sein. Vieles habe ich mir von Wagner und zwei, drei weiteren Lehrern vom KKG abgeschaut.

Der Lateiner traf auf eine politisch angespannte Klasse. Die meisten Mitschüler stammten gefühlt aus konservativem bis erzkonservativem Umfeld – zumindest waren es die lautesten. Demgegenüber standen Schülerinnen und Schüler wie ich, die ohne

Wagner spannte geschickt den Bogen. Er erklärte uns, dass wir nicht nur Latein lernen würden, sondern auch römische Lebensarten und römische Geschichte. Er sinnierte darüber, dass Politik und gesellschaftliche Ereignisse immer Teil so einer Geschichte seien. Geschichte, so Wagner, könne man überall entdecken. Man könne die Politik und geschichtliche Spuren sogar in Comics wiederfinden.

Ich horchte auf. Die „Schundheftchen“, als die sie der deutsche Opa immer gern bezeichnete, sollten lehrreich sein? Es wurde noch besser. Dr. Wagner erklärte uns, dass in den Asterix-Heften aktuelle Ereignisse mit der Geschichte Frankreichs und dem Seelenbefinden der Franzosen verbunden würden. Hatte er Asterix gesagt? Er hatte. Sein Sohn hatte in irgendeiner Arbeit für sein Studium untersucht, wie sehr das Weltkriegstrauma der Franzosen in Asterix-Heften zu finden war. Das Analogon von Alesia, den Ort, den niemand von Asterix‘ Freunden kennen will, identifizierte er als Vichy, die „Hauptstadt“ des mit der Nazi-Besatzung kollaborierenden Regimes von Marschall Petain. Wagner versuchte unseren Blick auf die römischen Legionäre und Cäsar zu schärfen. Indem er uns animierte, Comic und Lateinlehrbuch miteinander zu vergleichen, lehrte er uns so ganz nebenbei, wie man mit Freude pauken kann. Und er griff das Standard-Lateinzitat aller Asterix-Hefte auf: Die spinnen die Römer.

Comics von den Eltern bezahlt

Wagners Worte tischte ich noch am gleichen Abend meinen Eltern auf. Von nun an wurden die Comics nicht von meinem Taschengeld, sondern von den Eltern bezahlt. Alle Comics? Nein, nicht alle, nur ein kleiner Teil davon. Nur ein kleiner Teil aus der Feder von René Goscinny und Albert Uderzo. Dass ich zwei Jahre später mit der griechischen Version des „der kleine Nick“, den unglaublich interessanten Geschichten von René Goscinny konfrontiert wurde und mit diesen meine Griechisch Kenntnisse vertiefte, verstärkte die Bindung zur Asterix Welt.

Mutters Geschenk – das Kino

1976 war auch das Jahr des ersten Kinobesuchs. Mutter kam eines Tages mit dieser Überraschung. Wieso es diese Belohnung gab, weiß ich nicht mehr. An alles andere erinnere ich mich, als wäre es gestern gewesen. Ich wusste gar nicht, wie es in einem Kino ist, wo man sich am besten hinsetzt. In Konzerte waren wir bereits gegangen – da muss man möglichst nah an die Bühne. Mutters Information: Als ich klein war, rannte ich bei meinem ersten Mal in die erste Reihe und der verspannte Nacken tut mir auch in der Erinnerung noch weh, meine ich noch hören zu können. Das Kino war eine unwahrscheinliche Offenbarung, der Ton, das Bild, das Gesamterlebnis. Auf der Leinwand gab es nach den Werbeclips „Asterix erobert Rom“.

Der Film war für mich damals gleich mehrfach wichtig. Asterix, der Held, den auch meine Mitschüler, Freunde und Bekannten bewunderten, musste die Neuauflage der Prüfungen des Herakles absolvieren. Plötzlich konnte ich damit punkten, dass Herakles Grieche war und dass eine Prüfung – der Marathonlauf – eindeutig von den Griechen erfunden worden war. Indirekt war der Film für mich damals ein Schritt zur Inklusion.

Und ich erinnere mich an eine Szene in der „Höhle der Bestie“. Mitten in der Höhle fährt an unseren Helden, Asterix, Obelix und Idefix plötzlich eine Mischung zwischen U-Bahn und S-Bahn vorbei. Die Gallier finden sich in einer Bahn-Station mit dem Namen Alesia wieder. Ich könnte schwören, dass ich im Kino unbewusst „Victoria“ gelesen hatte. Denn im Sommer zuvor hatte ich ein ähnliches Erlebnis, als ich mit meinen Eltern und deren Aachener Freunden in der Victoria-Station auf den „Ilektriko“, die hybride U- und S-Bahn wartete. Der gesamte Film war, wie viele Asterix-Bände, voll mit Anachronismen. Heute kann man ihn – inklusive Waschmittelwerbung – auch als Zeitzeugnis für die Siebziger ansehen.

Das Haus, das Verrückte schafft

Und natürlich gibt es im Film das „Haus, das Verrückte schafft“. Es geht um ein Amt, auf dem Asterix und Obelix den berühmten Passierschein A38 erlangen müssen. Dabei drohen auch sie, an der Bürokratie zu verzweifeln. Diese Sequenz erwähne ich Schülern in Griechenland gegenüber gerne, um zu beschreiben, wie es früher einmal war. Denn der griechische Staat ist komplett digitalisiert. Den Passierschein A38 müsste man im modernen Hellas mit einigen Mausklicks im Internet beantragen. Was für die Griechen nun Geschichtsunterricht ist, ist in Deutschland oft sowohl im realen als auch im virtuellen Amt noch Realität. Wer sagt, dass man mit Asterix nicht in Zeit und Raum reisen kann?

Eine Mail vom 2. Oktober

All diese Gedanken und noch viel mehr Erinnerungen kamen mir in den Sinn, als ich am 2. Oktober eine Mail erhielt. Ich wurde informiert, dass der Egmont Verlag eine illustrierte Sonderausgabe „Asterix erobert Rom“ als gebundene Ausgabe (Erscheinungsdatum 6.10.2026) oder mit Softcover (20.10.2026) herausgibt. Man feiert die 50 Jahre seit der Filmpremiere von „Asterix erobert Rom“.

Copyright der Abbildung: ASTERIX®-OBELIX®-IDEFIX® / © 2026 LES ÉDITIONS ALBERT RENÉ / GOSCINNY – UDERZO

Das ist nicht ungewöhnlich. So werden wir Journalisten über Neuerscheinungen informiert und so kommen wir oft auf die Idee, ein Rezensionsexemplar zu bestellen. Aus den oben genannten Gründen habe ich gleich mehrfach ein persönliches Interesse am Thema. Ich konnte mir zunächst ehrlich gesagt nicht vorstellen, was an der Sonderausgabe so besonders sein könnte. Man überraschte mich positiv.

Der Band, den ich elektronisch als pdf-Datei erhielt, ist kein Comic-Album und kein Asterix Heft im üblichen Sinn. Asterix erobert Rom gab es, anders bei den übrigen Asterix-Zeichentrickfilmen nicht als Comic. Dafür hat man nun ein Album in Händen, in denen es auch kleine „making of“ Einblicke zur Filmentstehung gibt.

Es ist kein Buch im Sinn eines Romans. Man kann das Werk auch nicht als Drehbuchvorlage bezeichnen, denn das wäre zu wenig. Es ist von allen etwas. Und es ist damit auch für eingeschworene Asterix-Fans, die schon alles haben, etwas, worüber sie sich freuen könnten. Ab einem gewissen Alter kommen mit diesem Band viele Erinnerungen wieder ans Tageslicht. Jüngere Leser, auch solche, die Asterix noch nicht kennen, können mit der Sonderausgabe einen Einblick bekommen, was die Comic-Reihe für ihre Eltern und Großeltern war.

Andere wiederum können den Band als eine Art Libretto für das kommende Asterix Kino-Festival betrachten. Ab dem 14. Januar 2027 kommen die ersten drei Filmabenteuer „Asterix – Der Gallier“, „Asterix erobert Rom“ und „Asterix und Cleopatra“ in restaurierten Fassungen in die deutschen Kinos.

Was kostet der Spaß? Mir wurden Preise in Euro von 17,00 Euro für den gebundenen Band und 9,99 Euro mitgeteilt. In Schweizer Franken soll das Werk für 24,50 SFR respektive 16,50 SFR erhältlich sein.

Transparenzhinweis: Ich habe keine Bezahlung für diese Rezension erhalten und verdiene auch nicht am Buchverkauf.

Mehr vom Balkanisator.

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert