Liebe Freunde, „Follower“, zufällig über uns „gestolperte“ Leser, „Hater“ und Andersdenkende,
ich widme mich heute mal einem Thema, das mich persönlich schon seit vielen Jahren beschäftigt. Es geht hier nicht ausschließlich um Kreta, auch wenn die Insel ein gutes Beispiel darstellt. Da ich auch vor meiner „Kreta-Zeit“ viele Jahre im südeuropäischen Ausland gelebt und auch viele andere Länder bereist habe, maße ich mir jetzt einfach mal an, eine Meinung zum Thema „Tourismus“ zu haben.
Da ich ja nun mal ein linguistisch durchaus interessiertes (böse Zungen nennen das „neugieriges“) Wesen bin, habe ich mich zuerst einmal mit dem Wort an sich auseinandergesetzt. Et voilà: die Wurzeln liegen mal wieder im Griechischen. Okay, da war mal wieder KI involviert, man kommt ja gar nicht mehr drum herum, aber immerhin – aufschlussreiche Informationen:
Im Altgriechischen geht das Wort auf τόρνος (tornos) zurück, was ein zirkelähnliches Werkzeug oder einen Drehmeißel bezeichnet. Im übertragenden Sinne also „losgehen und wieder zurückkommen“. Passt.
Aber es geht etymologisch natürlich noch ein bisschen weiter – Globalisierung fand auch damals schon statt….
Schon damals globalisierter Tourismus.
Aus dem Altgriechischen machten die Lateiner dann das Verb tornāre („mit dem Drechseleisen runden, drehen“) und das Substantiv „tornus“. Daraus machten die Altfranzosen (Asterix und Obelix lassen grüßen!) dann das Substantiv „Tour“ (Kreisbewegung, Rundgang, aber auch Reise). Und daraus wurde von den Britannen dann im 19. Jahrhundert englische Wort tour (Rundreise) und tourist (Reisender) gebildet.

Anfang des 19. Jahrhunderts gelangte der Begriff ins Deutsche (zunächst als Touristik oder Tourismus nach englischem Vorbild), um das Reisen zum Kennenlernen fremder Orte zu beschreiben. Die Grundidee hinter dem Wort ist also eher eine kreisartige Bewegung: man bricht von seinem Wohnort auf, besucht einen anderen Ort und kehrt schließlich wieder an den Ausgangspunkt zurück.
Jetzt muss ich auch nochmal kurz zurück, ist doch die deutsche (Be-)deutung des Wortes recht treffend und schön: „das Reisen zum Kennenlernen fremder Orte“. Und da kommen mir schon wieder ganz viele Gedanken in den Schädel – Gedanken, die mich schon früher an ganz unbekannte Orte geführt haben, „Phantasie“ heißt das wohl.

Nicht umsonst habe ich alle Karl May Bücher verschlungen und bin mit ihm in den Wilden Westen Amerikas gereist – dabei saß der arme Kerl ja dauernd mal wieder in Zwickau und der Nähe von Chemnitz im Knast und ließ sich ebenfalls von seiner Phantasie entführen. Mir hat er damit jedenfalls sehr viel Freude gemacht!
Die Vermessung der Welt. Vermessen?
Viel später erst kam ich in den Genuss der Lektüre „Von der Vermessung der Welt“. Die teils autobiographische, teils fiktive Geschichte der beiden Zeitgenossen Carl Friedrich Gauß und Alexander von Humboldt. War Letzterer ein adliger Naturforscher, der viel und gerne reiste, die Welt mit eigenen Augen sah, Dschungel durchquerte, Berge vermaß und die Natur mit Messgeräten erforschte, war Kumpel Carl Friedrich Gauß ein bürgerliches Mathe-Genie, das Reisen hasste, meistens zu Hause am Schreibtisch blieb und die Welt stattdessen im Kopf und durch Formeln berechnete. Oder es zumindest versucht hat.
Tourismus damals und heute
Okay, ich bin jetzt mal wieder ziemlich abgeschweift – eigentlich aber doch nicht, da das halt alles Gedanken sind, die sich mir bei der Überlegung zum Thema „Tourismus“ in´s Bewusstsein drängeln. Ist der Herr von Humboldt damals (immerhin Ende des 18., Anfang des 19. Jahrhunderts) einfach mal so losgereist, um seine Neugierde zu befriedigen und die Welt kennen zu lernen, scheint es beim heutigen Tourismus irgendwie gar nicht mehr um das Kennenlernen anderer Länder und Kulturen zu gehen, sondern eher darum, die „Bucket-List“ abzuarbeiten, überall mal gewesen zu sein und das bitte gerne mit möglichst hohen Standards und auch Luxus.
Das gilt sicherlich nicht für alle „Weltenbummler“, aber weit verbreitet ist dieses Phänomen schon.
Ich habe neulich eine sehr nette ostdeutsche Sporttherapeutin kennen gelernt, die mir im Gespräch – man kommt ja schonmal so ins Plaudern – erzählt hat, dass ihre erste „Destination“ nach dem Mauerfall Kreta war. Und dass sie noch immer im Gedächtnis hat, wie fasziniert sie damals vom griechischen Salat (Choriatiki) mit Feta (!!!) war und dass griechischer Joghurt mit Honig immer noch ihre Lieblings-Süßspeise ist.
Na gut, da kann man jetzt Wessi-besserwisserisch konstatieren „die kannten ja auch noch nicht mal Bananen“, aber für mein Gefühl geht das weiter. Ein Erlebnis. Eine neue Kultur. Neue Traditionen. Anderes Essen. Neugierde pur!

Wem gehört die Welt denn nun?
Haben Touristen, Weltenbummler und „überall zu Hause sein woller“ das heute noch? War man nicht gefühlt schon überall, dank dem Internet, Youtube, Reisedokus etc.? Oder auch in der Realität? Die Weltmeere per riesigem Kreuzfahrtschiff bereist, von dort aus 3-4 stündige „Landgänge“ gemacht (ein Haken mehr auf der „Bucket-List“), die Außengrenzen Europas mit dem Wohnmobil abgefahren, im Reisebüro seines Vertrauens Südafrika oder Südostasien-Rundreisen (bitte in max. 10 Tagen!) gebucht, die Route 66 gefahren, in Las Vegas geheiratet oder ein Vermögen verspielt?
Glaubt man nicht auch eh schon alles zu kennen, ohne jemals dort gewesen und idealerweise vielleicht sogar in Traditionen, Eigenheiten, Mentalitäten und gar die Sprache der jeweiligen Destination eingetaucht zu sein?
All das scheint für mich mittlerweile der moderne und als „normal“ empfundene und gelebteTourismus zu sein.
So ein Urlaub ist ja kurz.
Stimmt schon, mit im Jahr zwischen 22 und 30 Tagen Urlaub, muss man sich schon ziemlich ran halten, will man was von der Welt sehen. Sabbaticals, ERASMUS-Stipendien und sonstige „Auszeiten“ mal außen vor gelassen. Die Zeit ist knapp, klar.
Aber muss man in diese knappe Zeit immer alles reinpacken? Geht´s nicht auch mal kleiner, gemütlicher, handlicher? Und mit tatsächlichem Interesse?
Ist es nicht vielmehr so, dass es – gerade für uns eher nördlichen Mitteleuropäer – eher darum geht, zwar die Rundreise von zu Hause aus zu starten, aber sein zu Hause und alle Annehmlichkeiten auch mitzunehmen bzw. vor Ort zu erwarten?

Ich habe auch lange genug selbst in der Tourismus-Branche gearbeitet um zu realisieren, dass die Ansprüche immer höher werden. Da braucht man einen Matratzen-Topper, weil die hoteleigene Matratze zu hart oder zu weich ist. Das Auto mit Vollkasko-Versicherung ohne Selbstbeteiligung, nur um derart damit durch die wildesten Berge zu schrubben, dass die Ölwanne und Stoßdämpfer ihrem Verderben ohne Chance ausgesetzt sind? Sich trotz Unwetterwarnungen auf Wanderungen in die wildesten Schluchten zu begeben, aus denen man dann per Bergrettung (Esel oder Hubschrauber) gerettet werden muss? Ohne auch nur einen Cent dafür zu bezahlen?
Geht´s nicht auch ne Nummer kleiner?
Kann man sich denn nicht auch mal darauf besinnen, dass man so ziemlich überall „Ausländer“ ist? Und dann das praktizieren, was man von all den Ausländern in seinem eigenen Heimatland so fordert?
Ein Minimum an Sprache, Dankbarkeit, Demut, Integration? Lernen wollen und es auch tun? Über den eigenen Schatten springen und Orte, wo man vielleicht eben nicht so viel Wert auf Klobrillen legt, auch zu akzeptieren (nur ein Beispiel)?

Man muss ja nicht alles „Fremde“ gut heißen – dafür darf man nach der Tour (kleine Erinnerung: „man bricht von seinem Wohnort auf, besucht einen anderen Ort und kehrt schließlich wieder an den Ausgangspunkt zurück“) ja auch wieder nach Hause. Und dort alle Annehmlichkeiten genießen, vor denen man im Urlaub nur allzu gerne flieht.
Nur so ein paar Gedanken….. Denkt jemand mit?
Radio Kreta – manchmal auch nachdenklich….
Ein Kommentar.
Kalimera, meine Liebe Susanne, gerade sage ich zu Pit, heute muss ich mal wieder die Berichte und Artikel in Radio Kreta lesen. Ja, und dann habe ich ihm deine Worte über Freundschaft vorgelesen, demütig tief berührt und glücklich. Ist es nicht wunderbar, dass unsere Freundschaft schon so lange hält. Wir drücken dich, wie immer fest 🫂🫂❤️❤️U und P aus H in D,

Du hast die Wikinger vergessen zu erwähnen, in Amerika waren sie auch, haben es aber nicht kolonalisiert! Als ich im März 1983 nach Kreta kam wollte ich Ende August wieder zuhause sein um meine Schulbildung fortzusetzen. Tatsächlich kam ich erst im November 1985 mit meiner erstgeborenen Tochter Angela (geb.im Juni 85 im Nosokomio Iraklion) aus Tymbaki zurück. Natürlich ist ihr Vater kein Grieche, sonst währe ich heute noch dort! Letzten November war ich in Chania. Mit dem FlixBus und der Fähre, ob ich diesen Winter kommen kann glaube ich nicht, aber nächsten Winter ganz bestimmt! Ta leme syntoma. Grüße aus Stuttgart 🐈🦕🦖