Leben auf Kreta: Unentbehrliche, wertvolle Hülsenfrüchte.

Es ist Winter auf Kreta.

Ein Winter, wie viele Einheimische und seit langer Zeit hier lebender Ausländer, noch keinen erlebt haben. Stürme mit Windstärken bis zu 10 Bft, massig Schnee in den Bergen und unglaubliche Regenmengen, die tagelang Straßen und Hauptverkehrsadern der Insel schier unpassierbar machen – vor allem natürlich wegen heftiger Erdrutsche und von Geröll verschütteter Straßen. Die einhellige Meinung Aller ist: wer nicht unbedingt aus dem Haus muss, soll drin bleiben. 

Da ist es natürlich immer gut, wenn man für ein paar Tage auch genügend Vorräte zu Hause hat – vor allem solche, die nicht so schnell oder gar nicht verderben – aus denen man aber zur Not auch bei Stromausfall z.B. auf dem Bollerofen, dem Somba, ein leckeres und nahrhaftes Essen zubereiten kann.

Der Somba. Ein Alleskönner. Vielleicht kann der auch Raki brennen?

Was man im kretischen Winter (und überhaupt das ganze Jahr über) auf jeden Fall im Haus haben sollte, ist der griechische Zwieback „Paximadi“, ein paar Konserven und getrocknete Hülsenfrüchte. Olivenöl, Salz, Gewürze und getrocknete Kräuter gehören sowieso zur unverzichtbaren Grundausstattung jedes kretischen Haushaltes.

Mythen, Legenden und Bräuche

Und da es bei einem solchen Gruselwetter einfach nichts besseres gibt, als einen schönen, nahrhaften Eintopf und gesunde Knabbereien, geht es bei uns heute mal um Hülsenfrüchte. Um die getrockneten Kerne der Bohnen, Erbsen und Linsen ranken sich viele Mythen, Legenden und Bräuche. Hülsenfrüchte wurden wie Getreide den Göttern als Erntedank dargebracht. Einmal im Jahr kochte man sie als rituellen Eintopf, und an diesem Mahl nahm die ganze Familie teil, die Tiere erhielten davon und auch die Vögel auf dem Dach des Hauses wurden bedacht. 

Viele aus Hülsenfrüchten zubereitete Gerichte gehen wohl auf diese Ursprünge zurück: sie wurden in der griechischen Antike zu Ehren des Sonnengottes Apollo und des Götterboten Hermes als Opfer an die Toten und die Unterwelt – also symbolisch Himmel und Erde verbindend – zubereitet und auf gleiche Weise zelebriert.

Die Kerne der Lupinen (übrigens Scheffkochstudioredakteuse´s Lieblings-Hülsenfrüchte!) sollen die Hauptspeise der schrecklichen Titanentochter Hekate gewesen sein, die des Nächtens mit ihren Zauberscharen Furcht verbreitete. Darum stellte man ihr am letzten Tag des Monats nach dem Hausputz – ein Akt der Reinigung also – auf einem dreibeinigen Schemel (so zumindest war sie noch auf Ikonen abgebildet) das „Abendessen der Hekate“ vor die Haustür. Eine freundlichere Version sagt, dass die Armen des Altertums diesen Abend herbeisehnten, weil sie sich dann an diesen Gerichten laben konnten – eine Armenspeisung sozusagen.

Wenn man nun noch hört oder liest, dass Lupinen die Nahrung der kynischen Philosophen gewesen seien, die die Tugend der Sebstgenügsamkeit lehrten, kommen wir dem Kern dieser symbolischen Bedeutsamkeit nahe: Hülsenfrüchte galten und gelten als besonders kräftigende Nahrung und in Anbetracht ihres hohen Eiweißgehalts hat das seine Richtigkeit. Lupinen sind übrigens auch und gerade für Vegetarier und Veganer ein wertvoller Eiweißlieferant!

Wertvolle Nährstoffe für harte Zeiten

Kostbar waren und sind Hülsenfrüchte für karg lebende Naturvölker – überlebensnotwendig sogar – weil jede Dürrezeit oder Unwetterkatastrophe sie an den Rand des Existenzminimums bringen konnte und kann. Hülsenfrüchte kann man bei entsprechender Lagerung schier endlos aufbewahren. Und wenn sie dann im Wasser aufquellen, beweisen Erbsen, Linsen und weiße Bohnen, dicke Bohnen oder die weiß-gelblichen Kerne der Lupinen mehr als andere mühselig getrocknete Pflanzen ihre „Nährmittelqualität“.

Haltbar, lecker und gesund: Hülsenfrüchte.

Das hat man auf Kreta, vielleicht nicht früher als anderswo erkannt, aber als pragmatische Einsicht über die letzten Jahrtausende bis in die Gegenwart beibehalten. Hülsenfrüchte sind hier, vor allem im Winter, ein wesentlicher Bestandteil der täglichen Nahrung, stehen aber durchaus ganzjährig auf dem kretischen Speiseplan. 

Dicke Bohnen und Lupinen (Loumbounia), die man kocht und einige Tage in Salz- oder gar Meerwasser weicht, um ihnen die Bitterkeit zu entziehen, und die man dann mit Brot und Oliven verzehrt, waren und sind auch in den Fastenzeiten der orthodoxen Kirche unentbehrliche Speisen, die selbst – zumindest in der letzten Woche der jeweiligen Fastenzeit, wo sogar der Genuss von Öl untersagt ist.

Außer hochwertigem pflanzlichen Eiweiß enthalten Hülsenfrüchte auch noch viele Vitamine und Mineralstoffe – und die helfen auch, möglichst gesund durch den Winter zu kommen, auch wenn er so fies daherkommt, wie in diesem Jahr.

Radio Kreta – gesund durch alle Jahreszeiten.

Was sind eigentlich Lupinen und wie zaubert man ein leckeres Bohnengericht?

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Ein Kommentar

  1. Guten Morgen Susanne, ich lese mit Begeisterung deine Berichte.
    Zu den Hülsenfrüchten; es waren keine getrockneten Koukia dabei, das gibt das beste Fava der Welt.
    Fava ist von Bohnen abgeleitet, Die ursprüngliche Form ist aus Koukia, wir würden in der Pfalz und Saarland
    getrocknete Saubohnen meinen,
    Die Fava schmeckt saugut zu Gegrilltem , besonders zu Fisch.
    Kali orexsi
    Trude Ammann

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